Corontine – Tag 3 und 4

Lockdown im Solo-Modus

Ungewohnt für mich, meine Tagebucheinträge zu veröffentlichen. Aber Eure Grüße und lieben Botschaften helfen mir sehr, die Zeit hier durchzustehen. Es geht bergauf.

Tag 3 werde ich zwar nicht als Highlight der Quarantäne verbuchen, denn es gab auch ein paar Tiefpunkte, ein paar Selbstmitleids-Momente, aber: die Halsschmerzen verschwinden allmählich! Sollte ich also eine „normale“ Bronchitis haben, dann scheinen die Antiobiotika zu wirken, oder sollte es sich um den bösen Virus handeln, dann scheint Corona allmählich die Schnauze voll von mir zu haben und abzuziehen – beides wunderbar. Hauptsache gesund. Endlich kann ich mich wieder konzentrieren. Und zum ersten Mal die Ruhe genießen! Die Vögel, die draußen zwitschern. Denn, ja: es tut GUT, KEINE Nachrichten zu hören.

Die Schreckensmeldungen haben mich wahnsinnig gemacht. Daher habe ich beschlossen, mich von heute an wirklich nur noch spät abends zu informieren. Es ist wichtig, auf dem Laufenden zu bleiben, aber 24 Stunden am Live-Ticker zu hängen, macht nur panisch. Und meine Nerven lagen in den letzten Tagen zusätzlich blank, weil ich wegen der Krankheit auf Zigaretten verzichtet habe – der Nikotin-Entzug hat mich rasend gemacht.

Aber ich habe jetzt einen Trick gegen die Panik: Ich male mir aus, wie es Paaren oder Familien geht, die in Quarantäne auf engstem Raum eingepfercht sind – in Paris nichts Ungewöhnliches. Ob es denen besser geht als mir? Die haben jetzt sicher auch Sorgen, anderer Art zwar, aber ich glaube kaum, dass es denen besser geht als mir. Wenn es mir ganz dreckig geht, dann male ich mir aus, wie es einem Paar gehen muss, die sich kurz vor Quarantäne getrennt hatten und auseinander ziehen wollten. Einer von ihnen hatte endlich eine neue Wohnung gefunden und sollte diese Woche ausziehen. Doch dann: Quarantäne! Umzug nicht möglich. Jetzt hocken die auf 20 qm 24/7 beisammen, giften sich an und hassen sich. Von da an gibt es zwei Szenarien: Entweder sie finden wider Erwarten wieder zueinander oder es wird eine ziemlich harte Zeit, und der Virus dürfte dabei vermutlich nebensächlich sein. Ich stelle mir Familien vor, in der cholerische Menschen sind, die ihren Mitmenschen wehtun. Auch ohne Quarantäne ist das schrecklich genug, aber nun, wenn man nicht mehr fliehen, nicht mehr raus kann, an die frische Luft?

Insofern bin ich mit meiner Solo-Quarantäne äußerst privilegiert. Ich bin erstaunt, wieviel man erlebt, obwohl man alleine zu Hause ist: Etwa, der peinliche Moment, als ich gestern zum ersten Mal in meinem Leben Facetime-Sex hatte und ausgerechnet dann, mittendrin, in voller Action plötzlich „Mama“ auf dem Display aufpoppt, die anzurufen versucht. 🙈 😂 Dann der Muskelkater, nicht wegen des Sex, sondern wegen der Workouts, die ich auf Youtube entdecke. Abends der unvernünftige Genuss, mir trotz Antibiotika einen Gin Tonic reinzupfeifen mit dem Wissen, dass derzeit unklar ist, ob es in naher Zukunft Nachschub geben wird.

Spannend finde ich auch wie sich die Überlebensinstinkte der Leute um mich herum äußern, wie unterschiedlich jeder mit der Corona-Situation umgeht. Meine Oma etwa, die in Strasbourg hockt und mit ihren 88 Jahren partout nicht einsehen will, dass sie vorerst nicht mehr vor die Tür gehen sollte. Ruft mich gestern an und fragt: „Was gibt’s?“ Auf Ausgeh-Attest und Strafzettel pfeift sie, sie geht vor die Tür und in die Kirche – Halbblind ist sie, kann kaum laufen, raucht trotz chronischem Husten und fährt trotzdem weiterhin mit dem Auto zum Supermarkt, weil sie den sozialen Kontakt braucht.

Den einzigen Trost, den ich aus der Sache ziehe, ist, dass sie dank der Quarantäne-leeren Straßen wenigstens keinen Verkehrsunfall haben wird. Trotzdem hat sie mich gestern mit ihrer Sturheit derart wütend gemacht, dass ich am Ende unseres Telefonats, vor lauter Angst, sie in den kommenden Tagen zu verlieren, weinen musste. Woraufhin SIE dann meine Mutter anrief, um ihr zu sagen, dass sie sich ernsthaft Sorgen um MEINEN Zustand macht. Meine Oma. Eine Nummer für sich. 🤷🏻‍♀️ Wie soll man auch erwarten, dass sie freiwillig einen Mundschutz trägt, wenn sie aus einer Generation stammt, die sich im Auto erst anschnallen, seit der Wagen ansonsten zu piepen anfängt? Andererseits: vielleicht muss man wie meine Oma einen Krieg erlebt haben, um die derzeitige Lage derart gelassen/unbekümmert angehen zu können. Ob das nun vernünftig oder unvernünftig ist, darüber läßt sich streiten.

Apropos Krieg: kritisch sehe ich derzeit die Nahrungsmittel-Beschaffung. Mein Speisevorrat reicht für knapp 2 Wochen. Danach ist alles aufgebraucht, auch der letzte Keks, den ich mal aus einem Café habe mitgehen lassen, verputzt. Die Frage ist nun: wie vorausschauend muss ich einkaufen? Denn so wie es aussieht, wird Frankreichs Quarantäne verlängert werden. Wann also muss ich spätestens den nächsten Vorrat anschaffen? Tricky.

Die Bestandsaufnahme meines Speisevorrates, um gegen leergeräumte Supermärkte gewappnet zu sein.

Ich weiß nicht, wie es in der Hinsicht in Italien lief oder läuft. Aber in Frankreich ist es seit Dienstag schwierig, online zu bestellen: je nach Supermarkt fehlen wichtige Grundnahrungsmittel; mal gibt es keine Eier, mal keine Butter oder Milch, mal ist der Reis aus oder die Pasta. Mehl wird auch knapp. Und Seife? Wird zusehends schwieriger zu bekommen. Es läuft also darauf hinaus, bei verschiedenen Anbietern bestellen zu müssen. Das nächste Problem ist die Lieferung: einige Supermärkte wie Leclerc liefern nicht mehr nach Hause. Man muss die Einkäufe in den Filialen abholen – aber wie soll ich Einkäufe für einen Monat schleppen? Carrefour hingegen liefert vor die Haustüre, aber erst ab 01. April, sprich: in 2 Wochen. Meine Mutter berichtet aus Portugal, die seit gestern auch in totaler Quarantäne sind: da wird erst ab Mai wieder geliefert. Gestern habe ich den halben Tag damit verloren, mich durch diverse Online-Supermärkte zu schlagen, um im Endeffekt nichts zu bestellen. Das war mein Tiefpunkt-Depri-Moment des Tages – die Sorge, dass ich in 2 Wochen vielleicht nichts mehr zu Essen haben werde. Zusätzlich getriggert dadurch, dass ich nicht weiß, wie es konkret vor meiner Tür aussieht: mein Viertel ist quasi ein Supermarkt-Schlaraffenland, von Bio- bis Großhandel an jeder Ecke alles da, direkt vor meiner Nase gab es immer alles. Aber heute? Am Tag 4 der Quarantäne, wie sieht es heute vor meiner Tür aus?

Seit vier Tagen war ich nicht mehr draußen, habe mich nur mittels Nachrichten informiert und über Telefonate mit meinen Pariser Freunden. Habe mir dadurch vielleicht ein verzerrtes Bild der Realität gebastelt. Wie es wirklich da draußen aussieht, weiß ich nicht. Gestern, Mitternacht: Auf meinem PC-Bildschirm bot Carrefour mir also an, mir Einkäufe im Wert von 200,- € (!) 💸 – nie habe ich so viel Geld auf einmal für Essen ausgegeben – ab dem 01. April zu liefern. Ich: breche die Transaktion ab, bringe es nicht fertig so viel Geld auf einmal auszugeben, für etwas, das ich erst in einer ziemlich ungewissen Zukunft erhalten soll.

Mal ehrlich: wer weiß, was in 2 Wochen sein wird? Es kann sowohl positiv als auch negativ sein (aber gestern Nacht habe ich natürlich nur das Negative gesehen, mich gen Atlantik barfuss fliehen sehen, oder ein Boot auf der Seine entern, in den Hosentaschen ein letztes Snickers…) „Pfui!“, sage ich an dieser Stelle übrigens an die großen Supermarkt-Ketten: beim online-shoppen fiel mir auf, dass die Preise schön kapitalistisch je nach Nachfrage schwanken. Bei Carrefour kostete die Seife, je nachdem, wann man nachsah mal 80 Cent, mal 1,80 €… Das finde ich widerwärtig. Denn sind es nicht die Supermärkte, die in diesen Tagen horrende Umsätze machen und sich goldenen Nasen verdienen? Und da können sie wohl den Bauch nicht voll genug kriegen, nutzen die Lage zusätzlich aus, indem sie die Preise hochjagen. Das ist erschütternd. In meiner Logik sollte man so wenige Male wie möglich einkaufen gehen, um so wenig wie möglich mit Leuten oder infizierten Produkten in Kontakt zu geraten. Damit meine ich aber nicht Hamstern. Sondern in vernünftigen Mengen. Am liebsten hätte ich einen Vorrat für einen Monat zu Hause. Aber in Paris ist das derzeit unmöglich. Es sieht ganz danach aus, dass ich mehrmals rausgehen werde müssen, mehrmals also vielleicht ein Risiko für andere sein werde oder mich selbst gefährde. Morgen muss ich raus, Antibiotika-Nachschub besorgen. Da werde ich einen Blick in den einen oder anderen Supermarkt werfen.

Ich glaube, das wird mir gut tun. Realität SEHEN.

So long, dear friends, liebe Grüße aus Paris! 💖

Corontine – Tag 1 und 2

Der Beginn der Einsamkeit

Montag Abend hat Präsident Macron für Frankreich ein striktes „confinement“, also eine Quarantäne, verhängt – vorerst für zwei Wochen. Heute, am Tag 2, sprach der Gesundheitsminister Olivier Véran jedoch bereits von MINDESTENS 14 Tagen, es kann also auch länger andauern.

Die absolute Quarantäne bedeutet, dass wir in Frankreich unsere Unterkünfte nur noch mit einer Bescheinigung und aus 5 Gründen verlassen dürfen: Nahrungsmittel kaufen, arbeiten (wenn für die Tätigkeit home office nicht möglich ist), gesundheitliche Gründe (also Arztbesuch oder Apotheke), Familienmitglieder im Notfall aufsuchen, und um alleine Sport zu machen. Verstößt man gegen das Ausgehverbot drohen einem 135 € Strafe.

Ich möchte hier veröffentlichen, wie ich diese Quarantäne erlebe (und hoffentlich überlebe!), alleine auf 35 qm in Paris – eine Art Logbuch oder Quarantäne-Tagebuch.

Hier sitze ich also in meiner kleinen Pariser Wohnung, mit einzigem Ausblick den kleinen Hinterhof, wo für gewöhnlich immer etwas los ist, immer ein Fenster offen, ein Musiker am musizieren oder Kinder spielen – seit 2 Tagen ist es hier totenstill. Die meisten meiner Nachbarn scheinen sich aus dem Staub gemacht zu haben. Im Treppenhaus höre ich noch Schritte. Die Nachbarn über mir sind also noch da. Das beruhigt mich etwas. Wie auch die rote Katze, die ich heute zum ersten Mal auf dem Fensterbrett gegenüber entdeckt habe. Das stimmt mich weniger einsam.


Für gewöhnlich arbeite ich von zu Hause. Ich bin Autorin und verbringe oft ganze Wochen am Stück hinterm Schreibtisch, mache die Nacht zum Tag, vor allem wenn es auf eine Deadline für einen Roman zugeht. Da kommt es vor, dass ich tagelang keine Freunde treffe. Aber es ist nun doch etwas anderes, wenn man überhaupt nicht mehr vor die Tür darf. Denn auch in intensiven Schreibphasen „writing binges“ gehe ich trotzdem alle 2 Tage zum Bäcker, quatsche dort mit den Verkäuferinnen, smalltalke mit dem Türken um die Ecke, der mich mit Döner versorgt, plaudere mit den Nachbarn am Briefkasten – Jetzt fallen alle sozialen Kontakte komplett weg.
Gelangweilt habe ich mich in den zwei Tagen zwar noch kein bisschen – mitunter dank Telefon und Internet. Ich habe mit Freunden, die auch in Paris sind, wenigstens telefonieren können. Auch mit meiner Familie, die über ganz Europa verstreut ist – die Whatsapp-Gruppe, die wir gestartet haben, hilft ein wenig über die Entfernung hinweg, gaukelt uns vor, doch beisammen zu sein, wenigstens in diesem virtuellen Raum, und das ist derzeit Gold wert. Auch die Freunde in Deutschland und anderen Ländern, die über Facetime und Instagram erreichbar sind. Es gibt also Austausch, Kommunikation, virtuelle Wärme. Aber der direkte Kontakt fällt eben völlig weg. Sowas ist nicht zu unterschätzen.
Ich versuche mich abzulenken, habe eigentlich auch genug zutun: Vorgestern erst habe ich ein Drehbuch abgeliefert, jetzt muss ich den Vorschautext für meinen neuen Roman für Rowohlt verfassen, dann den Staffelbogen für eine Serie schreiben, dann die Outlines, etc. – theoretisch könnte man mich bis Ende des Jahres in Schreib-Quarantäne stecken, ich hätte alle Hände voll zutun, und ich liebe meine Projekte, dafür lebe ich – aber angesichts der derzeit täglichen Schreckensnachrichten fällt es mir schwer, mich auf die Arbeit zu konzentrieren. Vielleicht sollte ich vorübergehend keine Nachrichten mehr lesen? Oder nur abends, nach dem Schreiben? Ich glaube, das probiere ich ab morgen aus.

Vielleicht wäre alles halb so wild, wenn der Kontext ein anderer wäre. Doch die Ungewissheit darüber, wie das Virus sich weiterentwickeln und welche Folgen es für uns alle, für die Welt haben wird – das muss man sich mal vorstellen, die GESAMTE Welt hängt da drin, wir sitzen alle in EINEM Boot! Derzeit ist alles so unklar, da habe ich persönlich noch weniger Lust diese unstete Zeit alleine zu erleben.

Was auch immer passieren wird, ob positiv oder negativ, ich denke, die Welt wird nie wieder so sein wie sie war. Alleine die Feststellung macht das Alleinsein nicht leichter.
Hinzu kommt, dass ich seit nun fast zwei Wochen zähe Halsschmerzen habe, die einfach nicht verschwinden wollen. Mein Arzt hat mir Antibiotika verschrieben, es scheint also nicht das Corona-Virus zu sein, doch beruhigend ist es nicht: weder will ich versehentlich Leute anstecken, noch angesteckt werden. Jetzt ist nicht die Zeit, um schwach zu sein. Die rasant steigenden Todeszahlen machen mir Angst. Aber Jammern und Angst helfen auch nicht. Jetzt gilt es, stark zu bleiben, es zumindest versuchen; den Körper und den Geist pflegen; sich Gutes tun und fit halten. Um die Hoffnung nicht zu verlieren. Um nicht durchzudrehen. Ich stelle mir vor, was ich tun werde, sobald die Quarantäne aufgehoben wird: endlich diesen Dackel adoptieren, von dem ich seit Monaten träume. Vielleicht freundet er sich dann mit der roten Katze von gegenüber an?

Haltet die Ohren steif!